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Freitag, 29. Januar 2016

Abwehrmechanismus: Wendung gegen das Selbst, gegen die eigene Person, Autoaggression

Wendung gegen das Selbst, gegen die eigene Person, Autoaggression (mittleres Integrationsniveau)


Quelle: Boessmann, Remmers, 2016: Praktischer Leitfaden der tiefenpsychologisch fundierten  Richtlinientherapie - Wissenschaftliche Grundlagen, Psychodynamische Grundbegriffe, Diagnostik und Therapietechniken, Deutscher Psychologen Verlag, Berlin

Wenn Aggression nicht nach außen, also auf die Person, die sie aktuell auslöst oder der sie in der Vergangenheit galt, entladen werden kann, so richtet sie sich nicht selten in autoaggressiver Weise nach innen. Die Wendung der Aggression gegen das eigene Selbst wird durch ein strenges, rigides Über-Ich begünstigt: Die in der Gewissensinstanz verinnerlichten Normen verbieten die Äußerung aggressiver Impulse. Wenn sie dennoch aufkeimen, belegt sie das Über-Ich mit Schuld und fordert Bestrafung.

Funktion der Wendung gegen das Selbst

Die Wendung gegen das Selbst hat – wie alle Abwehrmechanismen – Vorteile. Aggressive Impulse können beziehungserhaltend – also existenziell wichtige Selbstobjekte schützend und sichernd – unschädlich gemacht werden. Auch das Über-Ich ist beschwichtigt: Der hasserfüllte Kampf gegen das böse Objekt findet nicht nach außen hin statt, wo er Schuldgefühle erzeugen würde. Als Variante von Autoaggression kann der Masochismus angesehen werden. Er geht mit einem eigentümlichen Lustgewinn einher, wenn der eigene Körper und/oder das eigene Selbst aggressiven Handlungen, Erniedrigungen und Kränkungen ausgeliefert werden. In sadomasochistischen Beziehungen werden nicht selten eine ungewöhnliche Nähe und Intensität erlebt. Das hängt möglicherweise damit zusammen, dass Paare, die sich auf ein sadomasochistisches Arrangement bewusst einlassen, zentrale, aber in den meisten Paarbeziehungen eher tabuisierte Dimensionen spielerisch ausleben können: Macht und Unterwerfung, Lust und Schmerz, Abhängigkeit, Scham und Schuld. Damit dieses "Spiel" nicht entgleist und einer der Partner oder beide beschädigt werden, müssen einvernehmliche Regeln vereinbart werden sowie fortwährend Reflexion und Kommunikation stattfinden.
Auch die religiös motivierte Autoaggression in Form von Selbstgeißelungen, v. a. die ritualisierte, an manchen Orten bei Prozessionen kollektiv und öffentlich zur Schau gestellte, lässt neben dem expliziten Ziel, Schuld zu tilgen, einen masochistischen und narzisstischen Lustgewinn vermuten.      

Dysfunktionalität der Wendung gegen das Selbst: 

Bei der Wendung gegen das Selbst entlädt sich der Hass nach innen, vorzugsweise gegen die Introjekte der bösen Aspekte geliebter Menschen. Das Selbst bestraft sich dabei gewissermaßen selbst. Klinisch kann sich der Abwehrmechanismus in vielfältiger Form zeigen: in subtiler Weise z. B. als Selbsteinschränkung und Selbstzweifel oder in massiver Weise z. B. als Selbstentwertung, Selbstbestrafung, Selbstsabotage, depressive Symptomatik, Somatisierung, Selbstverletzung oder Selbstmord. Die Wendung gegen das Selbst spielt u. a. bei ecclesiogenen Neurosen eine große Rolle. Häufig liegt ihnen eine einseitige Vermittlung biblischer Inhalte zugrunde, welche die zentrale christliche Liebes- und Erlösungsbotschaft an die Seite drängt oder deformiert und unerreichbare Ideale sowie Themen wie "Sünde", "Schuld", "Gottes Strafgericht" und "ewige Verdammnis" in den Vordergrund rückt.
Wenn oben bewussten Spielarten des Sadomasochismus innerhalb von Paarbeziehungen und in der Sexualität gesunde Funktionen, die sie unter günstigen Umständen haben können, zugestanden wurden, dann muss an dieser Stelle auch auf Risiken hingewiesen werden: Eine bestehende Beziehungspathologie kann durch die sadomasochistische Interaktion verstärkt oder überdeckt werden. Mitunter werden sadomasochistische Arrangements als unverbindliche und harmlose "Spielbeziehungen" angesehen; dabei wird geleugnet, dass das Experimentieren mit Grenzen und Grenzüberschreitungen, mit Macht und Sichausliefern, mit Selbsterhöhung und Selbsterniedrigung, mit Lust und Abhängigkeit usw. existenzielle Tiefenschichten der Seele berührt. Das kann zu vertiefter Selbst- und Beziehungserfahrung führen, aber auch zur Reaktivierung alter Traumen sowie zu Destabilisierung und Desintegration. Eine Form der Wendung von Aggression gegen das eigene Selbst kann darin bestehen, sich selbst – trotz besseren Wissens oder schlechter Erfahrungen – wiederholt nicht ausreichend zu schützen (was auch ein strukturelles Defizit sein könnte) und andere damit implizit zu verletzenden Grenzüberschreitungen einzuladen. 




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Meine Buchzusammenfassungen und Artikel

Abwehrmechanismus: Verschiebung

Verschiebung (mäßiges bis gutes Integrationsniveau)


Quelle: Boessmann, Remmers, 2016: Praktischer Leitfaden der tiefenpsychologisch fundierten  Richtlinientherapie - Wissenschaftliche Grundlagen, Psychodynamische Grundbegriffe, Diagnostik und Therapietechniken, Deutscher Psychologen Verlag, Berlin

Ein Impuls und/oder Affekt werden von einem Menschen oder Gegenstand auf einen anderen, ursprünglich weniger wichtigen und emotional weniger intensiv besetzten Menschen oder Gegenstand verschoben. Wenn z. B. die Aggression, die eigentlich einem stärkeren Menschen gilt, zu bedrohlich ist, kann sie gegen einen weniger gefährlichen Gegner gerichtet werden.

Funktion der Verschiebung: 

Verschiebung hat den Vorteil, dass ein als bedrohlich erlebter und daher ins Unbewusste verbannter Impuls oder Affekt in einer weniger bedrohlichen Form in Bewusstsein treten kann. Z. B. kann die existenzielle Angst vor Selbstverlust und Fragmentierung in den Körper verschoben und dort als weniger bedrohliche hypochondrische Angst in Erscheinung treten. Aus einem diffusen, nicht greifbaren Erleben von Bedrohtsein wird mittels Verschiebung eine konkrete, lokalisierbare und kommunizierbare Furcht, z. B. eine Herz- oder Krebsphobie.
Ein anderes Beispiel wäre eine Frau mit heftigen Schmerzen beim Geschlechtsverkehr, die als Mädchen vom eigenen Bruder, der zugleich ihr Beschützer gegen ihren gewalttätigen Vater war, sexuell missbraucht wurde. Diese unerträgliche Erfahrung musste sie völlig abspalten und verdrängen, um die Beziehung zum emotional überaus wichtigen Bruder aufrechterhalten zu können. Den Schmerz, die Angst und Schuldgefühle, die mit der Missbrauchserfahrung verbunden waren, verschiebt sie unbewusst auf den Geschlechtsverkehr mit ihrem Ehemann. In dieser Ersatzlokalisierung können die bedrohlichen Impulse und Affekte leichter kontrolliert und vermieden werden (z. B. durch Verweigerung des Koitus).

Dysfunktionalität der Verschiebung: 

Wie andere Abwehrmechanismen auch ist die Verschiebung i. d. R. mit einer Reduzierung des Angsterlebens verbunden. Je stärker der subjektive Entlastungseffekt z. B. durch eine phobische Vermeidung erlebt wird, desto wahrscheinlicher wird eine Fixierung auf diese "erfolgreiche" Bewältigungsstrategie. Häufig führt diese aber zu sekundären, z. B. sozialen und beruflichen Problemen und Nachteilen für den Patienten, die seinen Leidensdruck verstärken.     



Abwehrmechanismus: Verleugnung

Verleugnung (mittleres bis geringes Integrationsniveau)

Quelle: Boessmann, Remmers, 2016: Praktischer Leitfaden der tiefenpsychologisch fundierten  Richtlinientherapie - Wissenschaftliche Grundlagen, Psychodynamische Grundbegriffe, Diagnostik und Therapietechniken, Deutscher Psychologen Verlag, Berlin

Kernberg unterscheidet reifere und primitive Formen der Verleugnung. Die "reifere Form" komme als "Bestandteil des Mechanismus der Verneinung" vor. Der "Patient sagt beispielsweise, er wisse zwar, was sein Therapeut oder er selbst oder eine andere Person von einer bestimmten Angelegenheit halten könnten – aber dann verwirft er diese 'Denkmöglichkeit' sogleich wieder als reine Spekulation. In diesem Fall ist die emotionale Bedeutung des Verleugneten dem Patienten noch nie bewusst geworden und bleibt auch verdrängt." Bei Borderline-Patienten seien "primitive Formen von Verleugnung" und insbesondere "die wechselseitige Verleugnung zweier emotional gegensätzlicher und verselbstständigter Bewusstseinsbereiche" typisch. Die "Verleugnung dient hier gewissermaßen nur zur Unterstützung eines Spaltungsvorgangs. Der Patient ist sich zwar im Klaren darüber, dass seine momentanen Wahrnehmungen, Gedanken und Gefühle in Bezug auf sich selbst oder andere Personen völlig im Gegensatz zu dem steht, was er zu anderen Zeiten wahrnahm, dachte, fühlte; aber dieses Wissen hat für ihn keinerlei emotionale Relevanz, es vermag nichts an seinen derzeitigen Gefühlen zu verändern. Zu einem späteren Zeitpunkt kehrt er womöglich wieder zu seinem vorigen Ich-Zustand zurück und verleugnet dann den jetzigen, wobei wiederum das Wissen darum intakt bleibt, der Patient aber überhaupt nicht in der Lage ist, diese beiden Ichzustände emotional miteinander in Verbindung zu bringen."

Kernberg nennt noch "eine Zwischenform der Verleugnung, die ebenfalls bei Borderline-Patienten sehr häufig vorkommt, nämlich die Verleugnung bestimmter Emotionen mit Hilfe anderer entgegengesetzter und im Moment dominierender Emotionen", z. B. "die manische Verleugnung einer Depression".[15]   


Funktion der Verleugnung: 

Im Zustand der Verliebtheit besteht eine natürliche Tendenz, alles, was den schönen Zustand stören könnte, auszublenden. Ein gewisses Maß an gesunder Verleugnung kann auch das langjährige Zusammenleben erleichtern – nach dem Motto von Nossrat Peseschkian: "Vor der Ehe halte beide Augen offen, in der Ehe stets eins geschlossen." Insbesondere Menschen mit einem abhängigen Persönlichkeitsstil neigen dazu, alles zu ignorieren, was die Bindung zu wichtigen anderen gefährden könnte (z. B. negative Eigenschaften der wichtigen anderen, eigene autonome und/oder aggressive Impulse). Die primitive Form der Verleugnung dient nach Kernberg dazu, "die Abwehrposition des Ich gegen einen bedrohlichen Anteil des Selbsterlebens zu stärken". Laut Mentzos kann der Patient "mit Hilfe der Verleugnung vorübergehend sein bedrohtes Selbstwertgefühl schützen".


Dysfunktionalität der Verleugnung: 

Verleugnung geht mit einer mehr oder weniger ausgeprägten Verzerrung der Realität einher. Das werden v. a. in den primitiven Formen der Verleugnung, z. B. beim Liebeswahn, deutlich: Hier wird das offensichtliche Fehlen der Gegenliebe von Seiten der/des Geliebten oder sogar ihre/seine klaren Signale von Bedrängnis oder Bedrohung völlig ausgeblendet. Auch das von Kernberg beschriebene Verleugnen abgespaltener, dem aktuellen Ich-Zustand entgegengesetzter Affekte kann für das Gegenüber äußerst belastend sein und den Bestand von wichtigen Beziehungen gefährden.



Abwehrmechanismus: Verdrängung

Verdrängung (gutes bis mäßiges Integrationsniveau)


Quelle: Boessmann, Remmers, 2016: Praktischer Leitfaden der tiefenpsychologisch fundierten  Richtlinientherapie - Wissenschaftliche Grundlagen, Psychodynamische Grundbegriffe, Diagnostik und Therapietechniken, Deutscher Psychologen Verlag, Berlin

Verdrängung wird gelegentlich als Überbegriff für alle Abwehrmanöver bezeichnet, die Konflikte unbewusst machen. Im engeren Sinne versteht Mentzos unter Verdrängung "die Amnesie (Erinnerungslücke) oder die Skotomisierung, das 'Übersehen' bestimmter Inhalte".[12]Die verdrängten konflikthaften und angstbesetzten Inhalte und Affekte – oft sexuelle oder aggressive Impulse – führen ein Schattendasein im Unbewussten, sind aber zugleich psychodynamisch höchst wirksam. Das Verdrängte kann später – oft in entstellter Form und gegen den Willen des Betroffenen – wieder ins Bewusstsein treten. Beispielsweise kann sich ein vergessenes peinliches Erleben und der dahinterstehende erotische Wunsch in Form einer sprachlichen Fehlleistung (z. B. einem ungewollten Versprecher wie "Schwein" statt "Schein") Eintritt ins bewusste Erleben erzwingen. Ein anderes Beispiel wäre ein auffallendes (Konversions-)Symptom wie ein Schwächeanfall in großer Gesellschaft, der den verdrängten Wunsch, im Mittelpunkt zu stehen, symbolisch Ausdruck verschafft. Nach der klassischen Theorie werden vor allem Triebregungen verdrängt, die das unter dem Druck des Über-Ich stehende Ich nicht akzeptieren kann. Harald Schultz-Hencke sah weniger in der Verdrängung von Triebregungen die Ursache für Neurosen als vielmehr in einer erziehungs- und kulturbedingten Hemmung von natürlichen "expansiven" Antrieben (Haben- und Behaltenwollen, Geltenwollen, Drang nach Sexualität und Zärtlichkeit).

Funktion der Verdrängung: 

Mittels Verdrängung kann sich das Ich gegen das Bewusstwerden bestimmter Motivationen und Konflikte sowie gegen mit ihnen verbundene bedrohliche Gefühle wie Schuld, Scham oder Kränkung wehren und schützen. Damit fungiert die Verdrängung als wirksamer Reizschutz nach innen. Ein gewisses Maß an Verdrängung ist wahrscheinlich notwendig, damit wir ausreichend innere Konsistenz und Kohärenz erleben und psychisch funktionieren können.  

Dysfunktionalität der Verdrängung: 

Die Verdrängung ist, wie andere Abwehrmechanismen auch, das Gegenteil eines bewussten Triebverzichts oder einer bewussten Steuerung von Impulsen und Affekten. Sigmund Freud glaubte, dass die "Triebrepräsentanz sich ungestörter und reichhaltiger entwickelt, wenn sie durch die Verdrängung dem bewussten Einfluss entzogen ist. Sie wuchert dann sozusagen im Dunkeln und findet extreme Ausdrucksformen, welche, wenn sie dem Neurotiker übersetzt und vorgehalten werden, ihm nicht nur fremd erscheinen müssen, sondern ihn auch durch die Vorspiegelung einer außerordentlichen und gefährlichen Triebstärke schrecken"[13]. Anna Freud sah die Verdrängung als den wirksamsten und gefährlichsten Abwehrmechanismus an: "Die Abspaltung vom Ich, die sich durch den Bewusstseinsentzug für ganze Gebiete des Affekt- und Trieblebens herstellt, kann ein für allemal die Intaktheit der Persönlichkeit zerstören. Die Verdrängung wird dadurch zur Basis für die Kompromiss- und Neurosenbildung. (...) Sie leistet der Quantität nach mehr als die anderen Techniken, d. h.,  sie kann starke Triebregungen noch bewältigen, gegen die andere Abwehrversuche machtlos bleiben."



Abwehrmechanismus: Spaltung

Spaltung (geringes Integrationsniveau)

Quelle: Boessmann, Remmers, 2016: Praktischer Leitfaden der tiefenpsychologisch fundierten  Richtlinientherapie - Wissenschaftliche Grundlagen, Psychodynamische Grundbegriffe, Diagnostik und Therapietechniken, Deutscher Psychologen Verlag, Berlin

Der Mechanismus der Spaltung beschreibt nach Kernberg eine Abwehr, bei der das Selbst und das äußere Objekt nicht mit ihren guten und schlechten Merkmalen, sondern einseitig als nur gut oder nur böse erlebt werden. Durch Spaltungsvorgänge wird vermieden, dass emotional miteinander unvereinbare Inhalte zusammentreffen. Die Inhalte bleiben – anders als im Fall der Verdrängung – bewusstseinsnah. Beispielsweise kann es einem Patienten auf der kognitiven Ebene durchaus bewusst sein, dass die totale Abwertung seiner TherapeutIn in der letzten Sitzung im Widerspruch steht mit seiner starken Idealisierung derselben TherapeutIn in der aktuellen Stunde. Aber emotional empfindet der Patient dabei keinerlei Dissonanz. Als "abgespalten" werden auch grundlegende Antriebe, Bedürfnisse, Affekte und Erfahrungen bezeichnet, die in der frühen Kindheit nicht bewusst werden durften, weil sie die ohnehin unsichere Bindung an dringend benötigte primäre (Selbst-)Objekte wie z. B. einen Elternteil gefährdet hätten. Der Hass auf den Elternteil musste ebenso abgespalten werden wie das durch diesen Elternteil chronisch frustrierte Bedürfnis.

Funktion der Spaltung: 

Der Abwehrmechanismen der Spaltung erlaubt, zwischen der Bewertung eines Menschen als gut und der Bewertung desselben Menschen als schlecht – je nach innerpsychischem Bedarf – rasch hin- und herzuwechseln, ohne dabei in einen inneren Ambivalenzkonflikt zu geraten. Der Vorteil für das Selbst ist ähnlich der zur Abwehr eingesetzten Introjektion: Durch Spaltung kann die Beziehung zu einer als Selbstobjekt benötigten Person aufrechterhalten und ein gutes oder sogar idealisierendes inneres Bild dieser Person von Kontaminationen frei gehalten werden. Wichtige Selbstbedürfnisse können so partiell befriedigt werden.

Dysfunktionalität der Spaltung: 

Die Spaltung oder Abspaltung ist keine reife Ich-Leistung im Sinne eines Triebaufschubs oder einer sublimierenden Triebverlagerung, sondern geht mit einer massiven Verleugnung grundlegender (Selbst-)Bedürfnisse und Affekte einher. Spaltung erfolgt – wie alle unreifen Abwehrformen – zulasten der Realitätsprüfung und zulasten der Kohärenz des Selbst.

Abwehrmechanismus: Regression

Regression (geringes bis mäßiges Integrationsniveau)

Quelle: Boessmann, Remmers, 2016: Praktischer Leitfaden der tiefenpsychologisch fundierten  Richtlinientherapie - Wissenschaftliche Grundlagen, Psychodynamische Grundbegriffe, Diagnostik und Therapietechniken, Deutscher Psychologen Verlag, Berlin

Die Fähigkeit, sich den täglichen Anforderungen und Verantwortungen des Lebens vorübergehend zu entziehen und in kindlicher Ausgelassenheit Spaß zu haben, sich dabei zu entspannen und zu erholen, erfreut sich zunehmender sozialer Anerkennung. Im Gegensatz zu dieser gesunden Form von Regression bezeichnet der Begriff in der psychodynamischen Terminologie eine unbewusste Strategie, unlustvollen Anforderungen, Überforderungen, Frustrationen oder bedrohlichen Erfahrungen und den damit verbundenen negativen Affekten durch eine Wiederbelebung von Erlebens- und Verhaltensweisen aus früheren Entwicklungsstufen auszuweichen. Fast alle psychischen und psychosomatischen Erkrankungen enthalten einen Aspekt von Regression, weil sie i. d. R. mit einer mehr oder weniger ausgeprägten Einschränkung des erwachsenen Funktionierens, einer Minderung der Verantwortungsfähigkeit sowie einem mehr oder weniger deutlichen Ausdruck von Hilflosigkeit und Hilfsbedürftigkeit einhergehen. Regression kann sich aber auch in sehr offensichtlichen kindlichen Verhaltens- und Ausdrucksweisen zeigen, z. B. wenn ältere Kinder wieder am Daumen lutschen oder Erwachsene weinend "Mama" rufen. Auch der verbreitete Griff zur Zigarette, zur Flasche oder zu Süßigkeiten in Stress- und Frustrationssituationen kann als Regression auf eine orale Entwicklungsphase verstanden werden.

Funktion der Regression: 

Der Hauptnutzen des Abwehrmechanismus der Regression liegt in der vorübergehenden Entlastung, die sich die Betroffenen innerpsychisch, aber auch in ihren sozialen und Arbeitsbeziehungen damit verschaffen. Wenn z. B. ein Erwachsener in einer Gruppe oder vor seinem Vorgesetzen in Tränen ausbricht, kann er u.U. wenigsten vorübergehend auf Mitgefühl, Schonung und Unterstützung hoffen.

Dysfunktionalität der Regression: 

Regression kann habituell eingesetzt werden, um Anforderungen, Verantwortungen und Entwicklungsaufgaben auszuweichen. Regression ist z. B. eine verbreitete Strategie bei Menschen mit einem abhängigen Persönlichkeitsstil. Ihre innere Haltung und ihr Bezug auf wichtige andere kann in etwa so beschrieben werden: "Ich bin klein, du bist groß. Du weißt besser als ich, was richtig ist. Übernimm du die Verantwortung und die Führung." Viele Patienten übertragen ein solches Muster auch auf die Therapiebeziehung. Die Behinderung der Individuation und Persönlichkeitsentwicklung ist offensichtlich.

Abwehrmechanismus: Reaktionsbildung, Wendung ins Gegenteil

Reaktionsbildung, Wendung ins Gegenteil (gutes bis mittleres Integrationsniveau)

Quelle: Boessmann, Remmers, 2016: Praktischer Leitfaden der tiefenpsychologisch fundierten  Richtlinientherapie - Wissenschaftliche Grundlagen, Psychodynamische Grundbegriffe, Diagnostik und Therapietechniken, Deutscher Psychologen Verlag, Berlin

Erziehung versucht generell, die biologischen Antriebskräfte im Kind in eine soziokulturell erwünschte Richtung zu lenken. Das Ziel insbesondere der strengeren Erziehung alter Schule war und ist, dass die angeborene kindliche Trieb- bzw. Antriebsenergie (in Sigmund Freuds Terminologie die "Libido") möglichst vollständig bestimmten Motivationsstrukturen zufließt, die – wie z. B. früher Patriotismus und Opferbereitschaft und heute eher das Leistungsprinzip und Friedfertigkeit – kollektiv als nützlich angesehen werden. Je stärker der kollektive Druck auf die Kinder ist, bestimmte kulturell erwünschte Fähigkeiten und Verhaltensbereitschaften zu entwickeln, desto wahrscheinlicher bringt eine solche Sozialisation Menschen hervor, deren Wollen und Streben auf Dinge und Ziele geht, die ihrer Natur z. T. völlig entgegengesetzt sind, die von ihnen aber subjektiv zutiefst als eigene Motivation erlebt werden. Diese eigentümliche Umlenkung natürlicher  Antriebe gelingt beim Menschen – anders als bei anderen Primaten – erstaunlich effizient und dürfte eine wesentliche Grundlage von Kultur sein. Es sieht so aus, als sei der Abwehrmechanismus der Reaktionsbildung, bei dem ein unerlaubter Antrieb oder Affekt durch eine entgegengesetzte Verhaltensweise beherrscht wird, nur eine Variante des beschriebenen allgemeineren Prinzips.     
Nach Anna Freud sichert die Reaktionsbildung das Ich gegen die Rückkehr des Verdrängten (angstbesetzte, v. a. aggressive und sexuelle Impulse) von innen her ab. Sie bediene sich dabei der Neigung der Triebe, sich ins Gegenteil zu verkehren (z. B. Mitleid statt Grausamkeit, Scham statt Zeigelust).[11] Ein Beispiel: Das strenge Über-Ich eines Mädchens und ihre Angst, die Zuwendung der Mutter zu verlieren, können verhindern, dass das Mädchen ihre Wut über die Zurücksetzung gegenüber ihrem jüngeren Bruder und ihren Hass in Form eines offen aggressiven Verhaltens äußert. Stattdessen entwickelt sie sozial erwünschte Tendenzen, z. B. eine besondere Fürsorglichkeit für den Bruder, die dem ursprünglichen Impuls entgegengesetzt ist. Werden die Handlungen, die den entgegengesetzten, unerlaubten Impuls oder Affekt kontrollieren sollen, laufend wiederholt, wird die Verwandtschaft der Reaktionsbildung mit magischen Ritualen deutlich, die der Wiedergutmachung oder dem Ungeschehenmachen (siehe Seite 144) dienen; z. B. könnte das Mädchen ihre Wut und ihre Eifersucht auf den Bruder dadurch abwehren, dass sie in übertriebener, zwanghafter Weise immer wieder nach ihm schaut, um sich zu versichern, dass ihm nichts zugestoßen ist. 

Funktion: Ein gewisses Maß an Reaktionsbildung ist für unser soziales Zusammenleben und für jede Form von Kultur wahrscheinlich unverzichtbar. Der Konflikt zwischen sozial nicht erwünschten Antrieben und verinnerlichten Kulturforderungen (Über-Ich) scheint im Sinne der Kultur gelöst.

Dysfunktionalität: Sie zeigt sich in der schädlichen Übertreibung des sozial Erwünschten. Z. B. kümmern sich nicht selten (ledige) erwachsene Töchter um ihre (alleinstehenden) Mütter mit einem Übermaß an Aufopferung, das Außenstehenden völlig unangemessen erscheint. Begeben sich diese Töchter in Psychotherapie, wird oft deutlich, wie sehr sie unter ihrer Pflicht leiden und wie tief ihr Hass gegen die Mutter und ihre Schuldgefühle sind. Generell liegt bei auffallend überangepassten Patienten die Vermutung nahe, dass sie von gehemmten Antrieben besonders stark bedrängt werden: Hinter übertriebener Korrektheit und Höflichkeit verbirgt sich nicht selten ein hohes Maß an Feindseligkeit; hinter übertriebener Ordnungsliebe, peinlicher Sauberkeit und moralischer Strenge stehen möglicherweise besonders schmutzige Fantasien und peinliche Impulse. Der von seinen Impulsen und von seinem Über-Ich zugleich bedrohte Patient kämpft laufend um Selbstkontrolle und versucht dabei auch, sein soziales Umfeld zu kontrollieren. Die Reaktionsbildung kann zu einem dominierenden Charakterzug werden und eine zwanghafte Neurosendisposition bedingen. Da das Verhalten vordergründig stets korrekt ist, belastet die Reaktionsbildung zwischenmenschliche Kontakte in schwer fassbarer Form. Die Gegenübertragung fühlt sich z. B. lähmend und erstarrt an. Insbesondere Versuchungssituationen können die Abwehr solcher Patienten zusammenbrechen lassen. Die dadurch ausgelöste Symptombildung (z. B. eine depressive Episode) und der damit verbundene Leidensdruck können neue Entwicklungschancen eröffnen.

Abwehrmechanismus: Rationalisierung

Rationalisierung (gutes Integrationsniveau)


Quelle: Boessmann, Remmers, 2016: Praktischer Leitfaden der tiefenpsychologisch fundierten  Richtlinientherapie - Wissenschaftliche Grundlagen, Psychodynamische Grundbegriffe, Diagnostik und Therapietechniken, Deutscher Psychologen Verlag, Berlin

Das eigentliche Motiv für eine Verhaltensweise oder innere Haltung ist hinter einer vorgeschobenen Begründung oder Rechtfertigung, einem Scheinargument, verborgen. Z. B. wird die Angst vor dem anderen Geschlecht und die Vermeidung des Kontaktes mit dem anderen Geschlecht von Jugendlichen gerne damit begründet, dass Computerspiele oder bestimmte Sportarten viel spannender seien.

Funktion: Die Rationalisierung ermöglicht eine gewisse innere und äußere Distanzierung gegenüber emotional aufwühlenden Impulsen, Erfahrungen und Themen. Man kann über etwas Wichtiges reden, ohne sich selbst und anderen die emotionale Betroffenheit und die Beteiligung peinlicher Motive und Affekte eingestehen zu müssen. Für Pubertierende kann es hilfreich sein, sich gegen die Überflutung durch die phasentypisch überwältigenden Triebregungen zu schützen. Die Verlagerung der Libido auf weniger gefährliche Interessengebiete kann vor sich selbst und anderen mittels Rationalisierung mehr oder weniger konsistent begründet werden.

Dysfunktionalität: Die rationalisierende Konsistenzherstellung geht mit einer mehr oder weniger starken Selbsttäuschung einher. Früher oder später wird die anstehende Entwicklungsaufgabe, z. B. die Begegnung mit dem anderen Geschlecht und die angemessene Kanalisierung und Befriedigung des natürlichen Triebdrucks, unausweichlich. Das gilt auch für andere Entwicklungsaufgaben und Antriebe (z. B. das Zulassen des Kinderwunsches und das Sicheinlassen auf die Elternrolle). Eine anhaltende rationalisierende Abwehr anstehender Entwicklungsaufgaben und der mit ihnen verbundenen Ängste erfordert immer größere Energie. In Versuchungs- und Versagungssituationen kann die Inkonsistenzspannung so stark zunehmen, dass die Abwehr zusammenbricht und es zur Symptombildung (z. B. zu einer Angststörung) kommt.



Abwehrmechanismus: Projektive Identifizierung

Projektive Identifizierung (geringes Integrationsniveau)

Quelle: Boessmann, Remmers, 2016: Praktischer Leitfaden der tiefenpsychologisch fundierten  Richtlinientherapie - Wissenschaftliche Grundlagen, Psychodynamische Grundbegriffe, Diagnostik und Therapietechniken, Deutscher Psychologen Verlag, Berlin

Bei diesem etwas komplizierten Mechanismus, der für Borderline-Störungen charakteristisch ist, findet zunächst die Projektion abgespaltener Selbstanteile in eine andere Person, z. B. die TherapeutIn, statt. Die eigenen aggressiven, ablehnenden oder überheblichen Affekte werden dann in realitätsverzerrender Weise in der TherapeutIn entdeckt. In einem zweiten Schritt identifiziert sich der Patient mit der als AngreiferIn erlebten TherapeutIn und wird selbst zum Angreifer. Was im Patienten vorgeht, kann man sich in etwa so vorstellen: "Bevor du (TherapeutIn) mich verletzt, im Stich lässt oder verachtest, verletze ich dich, lasse ich dich im Stich oder verachte dich." Auch bei der TherapeutIn kann eine Identifizierung stattfinden: Groteskerweise identifiziert sie sich unter dem gewaltigen Übertragungsdruck, der Borderline-Störungen eigen ist, mit der negativen Rolle, in die der Patient sie projektiv gedrängt hat: Sie wird der Unmensch, für den sie der Patient gehalten hat. Sie fühlt einen Impuls, den Patienten zu verletzen, abzuwerten und loszuwerden.

Funktion: Die projektive Identifizierung bezieht sich auch auf positive Gefühle: Der Patient projiziert seine nach Verschmelzung und Idealisierung hungernden Selbstobjektbedürfnisse auf die TherapeutIn, die sich daraufhin in der verführerischen Rolle des für den Patienten idealen, unendlich gütigen, geduldigen und empathischen Selbstobjekts wiederfindet. In einer solchen Übertragungssituation ist die Versuchung groß, sich mit der grandiosen Rolle der idealen TherapeutIn und den fusionären Bedürfnissen des Patienten zu identifizieren. Vorübergehend wird eine von beiden Seiten sehr intensiv erlebte Beziehung möglich.

Dysfunktionalität: Eine Therapiebeziehung, die von beiden Seiten auffusionären Selbstobjektbedürfnissen, Idealisierung, Grandiosität, Projektionen und Verleugnungen basiert, ist äußerst labil und störanfällig. Schon kleine Empathiefehler der TherapeutIn oder eine längere Abwesenheit durch Urlaub oder Krankheit können die realitätsferne Symbiose erschüttern. Plötzlich treten mit Macht negative Projektionen und Identifikationen sowie heftige Abwertung, Feindseligkeit und narzisstische Wut in Erscheinung. Die projektive Identifizierung gehört zusammen mit negativen Introjekten, psychotischen Projektionen, Spaltungsvorgängen und groben Verleugnungen der Realität (Größenwahn, Liebeswahn) zu den unreifsten Abwehrmechanismen. Die OPD spricht in solchen Fällen von einem desintegrierten Integrationsniveau, das aber in der ambulanten Psychotherapiepraxis selten ist.