Freitag, 29. Januar 2016

Abwehrmechanismus: Reaktionsbildung, Wendung ins Gegenteil

Reaktionsbildung, Wendung ins Gegenteil (gutes bis mittleres Integrationsniveau)

Quelle: Boessmann, Remmers, 2016: Praktischer Leitfaden der tiefenpsychologisch fundierten  Richtlinientherapie - Wissenschaftliche Grundlagen, Psychodynamische Grundbegriffe, Diagnostik und Therapietechniken, Deutscher Psychologen Verlag, Berlin

Erziehung versucht generell, die biologischen Antriebskräfte im Kind in eine soziokulturell erwünschte Richtung zu lenken. Das Ziel insbesondere der strengeren Erziehung alter Schule war und ist, dass die angeborene kindliche Trieb- bzw. Antriebsenergie (in Sigmund Freuds Terminologie die "Libido") möglichst vollständig bestimmten Motivationsstrukturen zufließt, die – wie z. B. früher Patriotismus und Opferbereitschaft und heute eher das Leistungsprinzip und Friedfertigkeit – kollektiv als nützlich angesehen werden. Je stärker der kollektive Druck auf die Kinder ist, bestimmte kulturell erwünschte Fähigkeiten und Verhaltensbereitschaften zu entwickeln, desto wahrscheinlicher bringt eine solche Sozialisation Menschen hervor, deren Wollen und Streben auf Dinge und Ziele geht, die ihrer Natur z. T. völlig entgegengesetzt sind, die von ihnen aber subjektiv zutiefst als eigene Motivation erlebt werden. Diese eigentümliche Umlenkung natürlicher  Antriebe gelingt beim Menschen – anders als bei anderen Primaten – erstaunlich effizient und dürfte eine wesentliche Grundlage von Kultur sein. Es sieht so aus, als sei der Abwehrmechanismus der Reaktionsbildung, bei dem ein unerlaubter Antrieb oder Affekt durch eine entgegengesetzte Verhaltensweise beherrscht wird, nur eine Variante des beschriebenen allgemeineren Prinzips.     
Nach Anna Freud sichert die Reaktionsbildung das Ich gegen die Rückkehr des Verdrängten (angstbesetzte, v. a. aggressive und sexuelle Impulse) von innen her ab. Sie bediene sich dabei der Neigung der Triebe, sich ins Gegenteil zu verkehren (z. B. Mitleid statt Grausamkeit, Scham statt Zeigelust).[11] Ein Beispiel: Das strenge Über-Ich eines Mädchens und ihre Angst, die Zuwendung der Mutter zu verlieren, können verhindern, dass das Mädchen ihre Wut über die Zurücksetzung gegenüber ihrem jüngeren Bruder und ihren Hass in Form eines offen aggressiven Verhaltens äußert. Stattdessen entwickelt sie sozial erwünschte Tendenzen, z. B. eine besondere Fürsorglichkeit für den Bruder, die dem ursprünglichen Impuls entgegengesetzt ist. Werden die Handlungen, die den entgegengesetzten, unerlaubten Impuls oder Affekt kontrollieren sollen, laufend wiederholt, wird die Verwandtschaft der Reaktionsbildung mit magischen Ritualen deutlich, die der Wiedergutmachung oder dem Ungeschehenmachen (siehe Seite 144) dienen; z. B. könnte das Mädchen ihre Wut und ihre Eifersucht auf den Bruder dadurch abwehren, dass sie in übertriebener, zwanghafter Weise immer wieder nach ihm schaut, um sich zu versichern, dass ihm nichts zugestoßen ist. 

Funktion: Ein gewisses Maß an Reaktionsbildung ist für unser soziales Zusammenleben und für jede Form von Kultur wahrscheinlich unverzichtbar. Der Konflikt zwischen sozial nicht erwünschten Antrieben und verinnerlichten Kulturforderungen (Über-Ich) scheint im Sinne der Kultur gelöst.

Dysfunktionalität: Sie zeigt sich in der schädlichen Übertreibung des sozial Erwünschten. Z. B. kümmern sich nicht selten (ledige) erwachsene Töchter um ihre (alleinstehenden) Mütter mit einem Übermaß an Aufopferung, das Außenstehenden völlig unangemessen erscheint. Begeben sich diese Töchter in Psychotherapie, wird oft deutlich, wie sehr sie unter ihrer Pflicht leiden und wie tief ihr Hass gegen die Mutter und ihre Schuldgefühle sind. Generell liegt bei auffallend überangepassten Patienten die Vermutung nahe, dass sie von gehemmten Antrieben besonders stark bedrängt werden: Hinter übertriebener Korrektheit und Höflichkeit verbirgt sich nicht selten ein hohes Maß an Feindseligkeit; hinter übertriebener Ordnungsliebe, peinlicher Sauberkeit und moralischer Strenge stehen möglicherweise besonders schmutzige Fantasien und peinliche Impulse. Der von seinen Impulsen und von seinem Über-Ich zugleich bedrohte Patient kämpft laufend um Selbstkontrolle und versucht dabei auch, sein soziales Umfeld zu kontrollieren. Die Reaktionsbildung kann zu einem dominierenden Charakterzug werden und eine zwanghafte Neurosendisposition bedingen. Da das Verhalten vordergründig stets korrekt ist, belastet die Reaktionsbildung zwischenmenschliche Kontakte in schwer fassbarer Form. Die Gegenübertragung fühlt sich z. B. lähmend und erstarrt an. Insbesondere Versuchungssituationen können die Abwehr solcher Patienten zusammenbrechen lassen. Die dadurch ausgelöste Symptombildung (z. B. eine depressive Episode) und der damit verbundene Leidensdruck können neue Entwicklungschancen eröffnen.

Abwehrmechanismus: Rationalisierung

Rationalisierung (gutes Integrationsniveau)


Quelle: Boessmann, Remmers, 2016: Praktischer Leitfaden der tiefenpsychologisch fundierten  Richtlinientherapie - Wissenschaftliche Grundlagen, Psychodynamische Grundbegriffe, Diagnostik und Therapietechniken, Deutscher Psychologen Verlag, Berlin

Das eigentliche Motiv für eine Verhaltensweise oder innere Haltung ist hinter einer vorgeschobenen Begründung oder Rechtfertigung, einem Scheinargument, verborgen. Z. B. wird die Angst vor dem anderen Geschlecht und die Vermeidung des Kontaktes mit dem anderen Geschlecht von Jugendlichen gerne damit begründet, dass Computerspiele oder bestimmte Sportarten viel spannender seien.

Funktion: Die Rationalisierung ermöglicht eine gewisse innere und äußere Distanzierung gegenüber emotional aufwühlenden Impulsen, Erfahrungen und Themen. Man kann über etwas Wichtiges reden, ohne sich selbst und anderen die emotionale Betroffenheit und die Beteiligung peinlicher Motive und Affekte eingestehen zu müssen. Für Pubertierende kann es hilfreich sein, sich gegen die Überflutung durch die phasentypisch überwältigenden Triebregungen zu schützen. Die Verlagerung der Libido auf weniger gefährliche Interessengebiete kann vor sich selbst und anderen mittels Rationalisierung mehr oder weniger konsistent begründet werden.

Dysfunktionalität: Die rationalisierende Konsistenzherstellung geht mit einer mehr oder weniger starken Selbsttäuschung einher. Früher oder später wird die anstehende Entwicklungsaufgabe, z. B. die Begegnung mit dem anderen Geschlecht und die angemessene Kanalisierung und Befriedigung des natürlichen Triebdrucks, unausweichlich. Das gilt auch für andere Entwicklungsaufgaben und Antriebe (z. B. das Zulassen des Kinderwunsches und das Sicheinlassen auf die Elternrolle). Eine anhaltende rationalisierende Abwehr anstehender Entwicklungsaufgaben und der mit ihnen verbundenen Ängste erfordert immer größere Energie. In Versuchungs- und Versagungssituationen kann die Inkonsistenzspannung so stark zunehmen, dass die Abwehr zusammenbricht und es zur Symptombildung (z. B. zu einer Angststörung) kommt.



Abwehrmechanismus: Projektive Identifizierung

Projektive Identifizierung (geringes Integrationsniveau)

Quelle: Boessmann, Remmers, 2016: Praktischer Leitfaden der tiefenpsychologisch fundierten  Richtlinientherapie - Wissenschaftliche Grundlagen, Psychodynamische Grundbegriffe, Diagnostik und Therapietechniken, Deutscher Psychologen Verlag, Berlin

Bei diesem etwas komplizierten Mechanismus, der für Borderline-Störungen charakteristisch ist, findet zunächst die Projektion abgespaltener Selbstanteile in eine andere Person, z. B. die TherapeutIn, statt. Die eigenen aggressiven, ablehnenden oder überheblichen Affekte werden dann in realitätsverzerrender Weise in der TherapeutIn entdeckt. In einem zweiten Schritt identifiziert sich der Patient mit der als AngreiferIn erlebten TherapeutIn und wird selbst zum Angreifer. Was im Patienten vorgeht, kann man sich in etwa so vorstellen: "Bevor du (TherapeutIn) mich verletzt, im Stich lässt oder verachtest, verletze ich dich, lasse ich dich im Stich oder verachte dich." Auch bei der TherapeutIn kann eine Identifizierung stattfinden: Groteskerweise identifiziert sie sich unter dem gewaltigen Übertragungsdruck, der Borderline-Störungen eigen ist, mit der negativen Rolle, in die der Patient sie projektiv gedrängt hat: Sie wird der Unmensch, für den sie der Patient gehalten hat. Sie fühlt einen Impuls, den Patienten zu verletzen, abzuwerten und loszuwerden.

Funktion: Die projektive Identifizierung bezieht sich auch auf positive Gefühle: Der Patient projiziert seine nach Verschmelzung und Idealisierung hungernden Selbstobjektbedürfnisse auf die TherapeutIn, die sich daraufhin in der verführerischen Rolle des für den Patienten idealen, unendlich gütigen, geduldigen und empathischen Selbstobjekts wiederfindet. In einer solchen Übertragungssituation ist die Versuchung groß, sich mit der grandiosen Rolle der idealen TherapeutIn und den fusionären Bedürfnissen des Patienten zu identifizieren. Vorübergehend wird eine von beiden Seiten sehr intensiv erlebte Beziehung möglich.

Dysfunktionalität: Eine Therapiebeziehung, die von beiden Seiten auffusionären Selbstobjektbedürfnissen, Idealisierung, Grandiosität, Projektionen und Verleugnungen basiert, ist äußerst labil und störanfällig. Schon kleine Empathiefehler der TherapeutIn oder eine längere Abwesenheit durch Urlaub oder Krankheit können die realitätsferne Symbiose erschüttern. Plötzlich treten mit Macht negative Projektionen und Identifikationen sowie heftige Abwertung, Feindseligkeit und narzisstische Wut in Erscheinung. Die projektive Identifizierung gehört zusammen mit negativen Introjekten, psychotischen Projektionen, Spaltungsvorgängen und groben Verleugnungen der Realität (Größenwahn, Liebeswahn) zu den unreifsten Abwehrmechanismen. Die OPD spricht in solchen Fällen von einem desintegrierten Integrationsniveau, das aber in der ambulanten Psychotherapiepraxis selten ist.





Abwehrmechanismus: Projektion

Projektion (mittleres bis geringes Integrationsniveau)


Quelle: Boessmann, Remmers, 2016: Praktischer Leitfaden der tiefenpsychologisch fundierten  Richtlinientherapie - Wissenschaftliche Grundlagen, Psychodynamische Grundbegriffe, Diagnostik und Therapietechniken, Deutscher Psychologen Verlag, Berlin

Bei der Projektion werden eigene Wünsche, Impulse, Gedanken und Gefühle anderen unterstellt. Während "bei der Verdrängung die beanstandete Vorstellung ins Es zurückgewiesen wird, verlegt die Projektion sie statt dessen in die Außenwelt".[10] Im Matthäus-Evangelium (7, 3) heißt es:"Was siehst du den Splitter im Auge deines Bruders, und den Balken im eigenen Auge siehst du nicht." Generell sind Eigenschaften und Verhaltensweisen, die uns an anderen besonders stark aufregen, verdächtig, auf einen eigenen unbewussten Persönlichkeitsaspekt (bei Carl Gustav Jung der "Schatten") hinzuweisen. Im Alltag begegnen wir dem Abwehrmechanismus der Projektion wohl am häufigsten im Straßenverkehr. Das Verkehrsverhalten anderer wird als feindselig, rücksichtslos und aggressiv erlebt; die eigene Aggressivität wird übersehen.

Funktion: Der Mechanismus der Projektion ist häufig und ein wichtiges Abwehrarrangement gegen das schmerzvolle Bewusstwerden eigener Schwächen und Fehler sowie eigener Feindseligkeit und Schuld. Klinisch zeigt sich die Projektion als bevorzugter Abwehrmechanismus bei der paranoiden Neurosendisposition. Patienten mit diesem Persönlichkeitsstil suchen oft insgeheim in der TherapeutIn eine Verbündete gegen den Rest der Welt, der als feindselig erlebt wird. Bei Psychosen und Borderline-Störungen ist eine Form von Projektion zu beobachten, die in besonders realitätsverzerrender Weise das Böse, das heißt die abgespaltenen negativen, zum Selbst gewordenen Introjekte, nach außen verlagert (siehe auch projektive Identifizierung).

Dysfunktionalität: Mit projektiver Abwehr kann sich das Selbst vorübergehend entlasten, aber nur um den Preis von z. T. schwerwiegenden Beziehungsstörungen und einer Einbuße an Realitätsprüfung. Als kollektives Phänomen manifestiert sich die Projektion in Fremdenhass und Nationalismus, die nicht selten in kriegerische Gewalt und sogar in Völkermord münden. 



Abwehrmechanismus: Passive Aggression

Passive Aggression (mittleres Integrationsniveau)


Quelle: Boessmann, Remmers, 2016: Praktischer Leitfaden der tiefenpsychologisch fundierten  Richtlinientherapie - Wissenschaftliche Grundlagen, Psychodynamische Grundbegriffe, Diagnostik und Therapietechniken, Deutscher Psychologen Verlag, Berlin

Für den verbreiteten passiv aggressiven Persönlichkeitsstil ist charakteristisch, dass aggressive und feindselige Affekte, die i. d. R. aus Frustrationserfahrungen resultieren, nicht sozial verträglich ausgedrückt und zur Durchsetzung berechtigter Bedürfnisse genutzt werden können. Die Betroffenen sind äußerlich angepasst. Sie kämpfen nicht aktiv für ihre Interessen oder für eine bessere Welt, sondern ziehen sich auf eine resignative Position (z. B. Zynismus, Weltverdrossenheit, Misanthropie) zurück. Sie beziehen eine gewisse Genugtuung daraus, dass sie – teilweise intellektuell brillant – negative Aspekte von Gesellschaft, Wirtschaft, Kultur und Politik selektiv hervorheben und anprangern. 

Funktion: Als Abwehrmechanismus dient passive Aggression unbewusst dazu, die Angst vor den eigenen aggressiven und feinseligen Impulsen und Affekten sowie vor der befürchteten negativen Reaktion anderer zu kontrollieren. Passive Aggression ist eine Art Kompromisslösung, bei der man das soziale Umfeld treffen und darüber Befriedigung erzielen kann, ohne offen feinselig sein und ohne direkte Vergeltung durch andere befürchten zu müssen. V. a. in hierarchischen Strukturen, in denen man z. B. als Beamter oder Angestellter arbeitet, zeigt sich die passiv aggressive Abwehr in versteckt unkooperativem Verhalten, z. B. Dienst nach Vorschrift. Dabei werden keine expliziten Regeln verletzt, und nach außen wird eine freundliche Fassade aufrechterhalten, sodass kein Kündigungsgrund provoziert wird. 

Dysfunktionalität: Die Selbstsabotage, die auf längere Sicht mit dieser Form der Abwehr oft verbunden ist, ist den Betroffenen meist nicht bewusst. Auf Dauer wird das Wachstum der Persönlichkeit des Patienten in Richtung auf die volle Nutzung seiner Potenziale und auf ein wirklich erfülltes Leben hin beeinträchtigt. Passiv aggressive Arrangements ganzer Systeme wie z. B. in Familien, Firmen und Organisationen lähmen zudem die notwendigen kollektiven Entwicklungs- und Anpassungsprozesse.

Abwehrmechanismus: Omnipotenzfantasie

Omnipotenzfantasie (mäßiges bis geringes Integrationsniveau)

          
Quelle: Boessmann, Remmers, 2016: Praktischer Leitfaden der tiefenpsychologisch fundierten  Richtlinientherapie - Wissenschaftliche Grundlagen, Psychodynamische Grundbegriffe, Diagnostik und Therapietechniken, Deutscher Psychologen Verlag, Berlin

Kohut sieht es im Rahmen der Entwicklung des gesunden kindlichen Narzissmus als notwendig an, dass die Eltern das natürliche kindliche Erleben von Großartigkeit und Perfektion positiv spiegeln und zugleich als idealisierbare Selbstobjekte (idealisierte Elternimago) zur Verfügung stehen, auf die das Kind seine Gefühle von Omnipotenz und Vollkommenheit projizieren und mit denen es verschmelzen kann. Damit bewahren sie das Kind vor Gefühlen der Hilflosigkeit. Im Laufe der Zeit entwickle sich das infantile Größenselbst in realistische und stabile Formen des Selbstwerts und des Ehrgeizes weiter. Die idealisierte Elternimago reife zu Wertvorstellungen, Über-Ich, Ich-Ideal und entsprechenden Zielsetzungen. Würden durch unempathische Eltern die kindlichen Bedürfnisse nach narzisstischer Spiegelung und Idealisierung frustriert, blieben archaische Bedürfnisse nach Grandiosität und Idealisierung unintegriert bestehen.
          
Funktion: Omnipotenzfantasien sollen ein beschädigtes Selbst stabilisieren, das in realen Beziehungen nicht das Maß an stärkenden Selbstobjekterfahrungen erhält, das es benötigt. Omnipotenzfantasien können auch der Abwehr von Depression und innerer Leere dienen.

Dysfunktionalität: Kernberg sieht beim malignen Narzissmus eine ungezügelte Grandiosität, die zudem von ich-syntoner Aggression, emotionaler Kälte und Ausbeutung anderer durchdrungen sei. Kohut erkennt hinter der Grandiosität eher die schmerzvolle Schüchternheit der Patienten, die sie mit ihren geheimen Größenfantasien zu kompensieren trachten.

Abwehrmechanismus: Narzisstischer Rückzug

Narzisstischer Rückzug (mäßiges Integrationsniveau)


Quelle: Boessmann, Remmers, 2016: Praktischer Leitfaden der tiefenpsychologisch fundierten  Richtlinientherapie - Wissenschaftliche Grundlagen, Psychodynamische Grundbegriffe, Diagnostik und Therapietechniken, Deutscher Psychologen Verlag, Berlin

Ein vorübergehender Rückzug aus sozialen Kontakten ist ein gesellschaftlich anerkanntes Verhalten, das der Erholung, Sammlung, Meditation und Kontemplation dient. In der Zurückgezogenheit sind mitunter außergewöhnliche Erfahrungen und Einsichten möglich.

Funktion: Die Qualität eines narzisstischen Abwehrmechanismus nimmt sozialer Rückzug dann an, wenn er eingesetzt wird, um das Selbst vor Kränkungen  zu schützen.[7] Viele Kinder und Erwachsene sind heute von den virtuellen Welten der Computerspiele fasziniert, die ihnen neben perfektionierter Grafik und Animation eine Fülle grandioser Identitäten, Rollen und individuell dosierbarer Herausforderungen sowie Selbstwirksamkeits- und Erfolgserlebnisse bieten.Insbesondere das Internet macht sozialen Rückzug leicht, weil sein unerschöpfliches Angebot an Information, Unterhaltung, Stimulationen und Pseudokontakten in zahllosen Foren ein Gefühl von Einsamkeit lange überdecken kann. Nach Kernberg dient narzisstischer Rückzug v. a. zur Abwehr von Wut-, Neid- und Abhängigkeitsgefühlen. Die Patienten befürchten (nicht selten durchaus zu Recht), wichtige andere mit den heftigen Gefühlen von Wut und Neid zu beschädigen.

Dysfunktionalität: Kernberg glaubt, bei narzisstischen Patienten sei die Integration konträrer Introjektionen als Quelle für die Neutralisierung von Aggression misslungen. Als Ursache sieht er ein elterliches Verhalten, das einerseits kalt und abweisend, andererseits grenzenlos bewundernd ist.[8] Nach Kohut sehnen sich narzisstische Patienten nach der Bewunderung durch ein ideales Selbstobjekt, fürchten aber zugleich, abhängig zu sein. Der Rückzug ist oft mit Gefühlen von Einsamkeit und depressiver Leere verbunden. Die Abwehr muss auf weitere gering integrierte Strategien wie Spaltung, primitive Idealisierung, Verleugnung und Omnipotenzfantasien zurückgreifen. Was den Rückzug in virtuelle Welten anbetrifft, wird ein dysfunktionaler Abwehrcharakter dann offensichtlich, wenn er suchtartige Ausmaße annimmt, mit einer anhaltenden Einengung der Wahrnehmung und des Erlebens einhergeht und das Ich immer weniger im echten Kontakt mit der Welt und mit sich selbst ist.